Erinnerung macht klug – so heißt es auf dem Aufruf zur Erinnerungsveranstaltung heute.

Wir erinnern uns und wissen inzwischen zum Glück sehr viele Fakten und Zahlen zur NS-Zeit. Wir können anhand dieses Wissens nachvollziehen was vor 77 Jahren hier an diesem Ort passiert ist. Es ist ein langer Weg der Aufklärung gewesen, viel Angst vor der eigenen Vergangenheit, viel Abwehr, viel an Schweigen musste überwunden werden, damit wir heute klüger sind.

Aber alleine die Fakten, was an diesem Tag heute vor 77 Jahren passiert ist und das Wissen um die Greueltaten, wie viele Menschen alleine aus unserer Stadt in den Tod getrieben wurden und welche Wege sie genommen haben in die Todeslager der Nazis, macht uns noch nicht klug.
Wir wissen es spätestens seit der Sesamstraße: wer nicht fragt, bleibt dumm.

Klug macht uns unsere Erinnerung also, wenn wir uns fragen, wie das in unserer Stadt passieren konnte, warum mitten am Tag vor 77 Jahren die Synagoge brennt, ja angezündet und abgebrannt wird und warum das Feuer, das das jüdische Gotteshaus niederbrennt, von der Feuerwehr nicht gelöscht wird, sondern nur die Nachbarhäuser geschützt werden.

Erinnerung macht klug, wenn wir uns fragen, wer zugesehen oder weggeschaut hat, welche Hände das Feuer angezündet haben, welche Motive die Menschen, zu ihrem Handeln und zu ihrem Stillschweigen veranlasst haben und uns selbst auch die Frage zumuten, wie wir uns verhalten hätten.
Klug sein, bedeutet nicht nur, sich an Zahlen, Daten und Fakten erinnern zu können, klug sein, bedeutet auch nicht nur, Fragen zu stellen, klug sein bedeutet letztlich menschlich zu sein.

Erinnerung macht uns klug, wenn wir der Menschen, die damals so unmenschlich, ja bestialisch von den Nazis gedemütigt, verfolgt und brutal ermordet wurden, gedenken können – nicht als Zahlen, sondern als Menschen mit ihrer je eigenen Geschichte. Die Koffer stehen stellvertretend für das unverwechselbare Leben jedes und jeder Einzelnen und wir können es hier gemeinsam bedenken. Nicht nur, was der Nationalsozialismus Menschen angetan hat, können wir bedenken. Die Nazis haben ihnen ihr Leben genommen, aber sie konnten ihnen nicht ihre Würde nehmen, das wird deutlich, wenn wir dieser Menschen gedenken und ihrer unverwechselbaren Geschichte, denn sie sind viel mehr als nur Opfer, zu denen sie gemacht wurden.

Heute stehen wir hier in einer Zeit, in der unzählige Menschen wieder ihre Koffer packen müssen, sofern sie die überhaupt mitnehmen können, mit ihrer Geschichte, mit den Kindern, die sie hinter sich lassen, mit den Toten, die sie gesehen haben, mit den Trümmern, die ihr altes Leben begraben haben.

Und wir erleben mit Schrecken wie gebrandschatzt wird in Worten und Taten: wo heiße Parolen des Hasses bei Demonstrationen laut werden, wo Angst geschürt wird in rechtsradikalen Thesen von Leuten, die behaupten, demokratisch eine Alternative für Deutschland zu sein.
Und schockiert müssen wir erfahren wie wirklich wieder Häuser brennen, ja, angezündet werden, wie Flüchtlingsunterkünfte in Brand gesetzt werden und niederbrennen.

Und ja, sicher, es ist menschlich, dass uns das Angst macht, dass es uns Angst macht, von den Flüchtlingszahlen zu hören, dass wir vielleicht auch ängstlich fragen, ob wir das schaffen und ja, auch Vorurteile sind menschlich, aber menschlich klug sind wir dann, wenn wir Angst und Vorurteilen nicht das letzte Wort überlassen, wenn wir nicht Parolen, Halbwahrheiten und Lügen glauben, die Flüchtlinge kriminalisieren und das Fremde dämonisieren, sondern uns mutig menschlich zeigen, und so auch mutig für Menschenwürde einstehen können: Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – sagt das Grundgesetz. Jeder Mensch ist Gottes Ebenbild – sagt die Bibel. Beide Grundaussagen, die des Gesetzes und die des Glaubens, verpflichten für die Würde des Menschen einzutreten.
Fragen wir uns für heute und morgen: wie können wir uns verhalten? Wo können wir Angst und Hass entgegentreten? Wie wollen wir behandelt werden? Wie treten wir ein für die Freiheit, die uns verbindet mit den Flüchtlingen, die sie auf mühsamen Wegen zu erreichen versuchen? Der Gott der Bibel ist ein Gott der Freiheit, der auch an Grenzen führt, aber immer auch in die Freiheit!

Und lernen wir aus der Erinnerung, heute mutiger zu sein. Ich denke hier an die Stuttgarter Schulderklärung, die vor 70 Jahren das Versagen der Kirche im 3. Reich eingestand. Dort heißt es in ihrem zentralen Satz:
Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“

Erinnern macht uns klug und Erinnerung macht uns Mut:
In diesem Sinne: sein und bleiben wir menschlich und mutig! Heißen wir willkommen, stehen wir bei, treten wir dazwischen – menschlich und mutig!