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Gedenkfeier zum 77. Jahrestag der Zerstörung der Ludwigsburger Synagoge

am 10. 11. 2015, 18 Uhr, Synagogenplatz
Erster Bürgermeister Konrad Seigfried

Erinnerung macht klug. Erinnerung macht Mut


Meine sehr verehrten Damen und Herren,
ich darf Sie alle, die Sie heute Abend zum Synagogenplatz gekommen sind – auch im Namen unseres Oberbürgermeisters Werner Spec und der Mitglieder unseres Gemeinderates – von Herzen begrüßen. Ein besonderes Willkommen gilt unserem Ehrenbürger Dr. Albert Sting, der mit Familie Müller, Frau Karstedt, Frau Lutz, Herrn Faber und anderen heute den „Arbeitskreis Dialog Synagogenplatz“ vertritt.
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Wir gedenken – in guter Tradition – gemeinsam des 77. Jahrestages der Pogromnacht. Wir erinnern an eine von staatlichen Organen bewusst inszenierte deutschlandweite Aktion, die von den Naziorganisationen SA und SS unter den Augen und bisweilen mit aktiver Beteiligung der Bevölkerung durchgeführt wurde.
Mit diesem Gedenken wird an kaum vorstellbare Gräueltaten, die zu einem tiefen Zivilisationsbruch führten, erinnert: im gesamten damaligen Deutschland geschahen gleichzeitig durchgeführte Überfälle auf jüdische Geschäfte, auf Privathäuser, Friedhöfe und Synagogen. Über 7.500 Geschäfte, mehr als die Hälfte aller Synagogen und an die 30 Warenhäuser wurden in jener Nacht zerstört, jüdische Bürger misshandelt und verhaftet. Mehr als 1.300 Menschen starben während diese Pogroms und unmittelbar danach an den Folgen der Ausschreitungen. Der nationalsozialistische Mob kannte kein Halten mehr: Nach dem 9. November 1938 steigerte der NS-Staat – das dritte Reich - die Verfolgung bis zur kollektiven, industriell organisierten Massentötung der Juden in Deutschland und im besetzten Europa.
Begleitet von einem Volk, das weitgehend stumm zuschaute oder sogar aktiv dabei war. Das christliche, das menschliche Eintreten
füreinander, grundlegende humane Regungen wie Mitempfinden und Mitleid, haben in unserer Stadt damals nicht ausgereicht, um die jüdischen Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt vor Diskriminierung und Not, vor Vertreibung oder gar Ermordung zu schützen.
Am 10. November 1938 fiel an diesem Ort unsere Ludwigsburger Synagoge dem Pogrom zum Opfer. Sie wurde niedergebrannt – es handelte sich um Brandstiftung - und damit das jüdische Gemeindeleben in der Stadt zerstört.
Wir erinnern daher am heutigen Tag an das Schicksal der jüdischen Menschen dieser Stadt im Dritten Reich,
wir treffen uns zur Mahnung an Menschlichkeit und Menschenrechte
und wir verneigen uns vor unseren ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern und allen Opfern des Holocaust.
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Das alles scheint heute schwer vorstellbar für uns, die wir hier gemeinsam zum Gedenken zusammen gekommen sind. Gleichwohl wissen wir, dass auch heute in vielen Teilen der Welt Gewalt und Vertreibung aus religiösen oder ethnischen Gründen geschieht. Und auch unser Land ist nicht gefeit davor.
Ist denn das Böse immer und überall präsent? Ist die zivilisatorische und christlich humane, die ethische Schutzschicht so dünn?
Wir müssen konstatieren, dass
der Hass auf Andere oder die Anderen beileibe nicht verschwunden ist; Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus sind auch in unserem Land nach wie vor ein Thema. „Das Böse ist uralt und doch hochmodern“ so war jüngst in einem Zeitungsartikel zu lesen, der sich mit Katastrophen vom Mittelalter über Auschwitz bis zum aktuellen IS-Terror beschäftigt. Das kann Angst machen. Aber es schärft bei mir und bei vielen Menschen auch Wachsamkeit und den festen Willen, die Grundwerte unseres Rechtsstaates und die Menschenrechte jeden Tag aufs Neue zu bekräftigen und auch zu verteidigen.
Gerade die deutsche Geschichte hat uns eine kollektive Verantwortung gelehrt. Die Verantwortung für die Erinnerung
und für die Gestaltung unserer Zukunft. Und damit die explizite Verantwortung, Lehren aus den nationalsozialistischen Verbrechen zu ziehen. „Wir sind nämlich nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun“, wusste schon der kluge Philosoph Voltaire.
Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat als eine der Ersten eine solche Verantwortung übernommen und 1948 die allgemeine Erklärung der Menschenrechte festgeschrieben. Mit Bedacht zitiere ich Artikel 1:
Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“.
Es ist der ausdrückliche Auftrag an uns, die Würde der Menschen zu achten, sie zu schützen und für die Rechte einzutreten. Daran müssen wir uns zu jeder Zeit messen lassen.
Gerechtigkeit, Respekt und Wertschätzung gegenüber anderen Menschen sind für uns (auch für mich) weder verrückbare noch zu diskutierende Werte. Täglich und ganz aktuell können und müssen wir das immer wieder unter Beweis stellen: wir stehen heute vor der Herausforderung, einer zunehmenden Anzahl von vor Armut, Verfolgung, schierer Not - oder auch nur auf der verzweifelten Suche nach mehr Glück - flüchtenden Menschen, Obdach und Unterstützung zu gewähren.
Wir fragen uns, manchmal kleinmütig und bang, wie wir damit umgehen. Schnell kommt uns dabei das Wort der Willkommenskultur über die Lippen. Wohlwissend, dass das so einfach nicht ist. Denn echte Willkommenskultur ist keine Kultur, die sich staatlich verordnen lässt.
Echte Willkommenskultur lebt von Menschen unserer Zivilgesellschaft, die sich ganz praktisch in ihrer Haltung und ihrem Wirken dazu bekennen. Staatliche Stellen können das lediglich absichern und fördern. Alle werden dafür gebraucht, aber besonders diejenigen, die Verantwortung tragen, die Vorbilder sein können, um für diese Haltung einzustehen.
Eine Haltung, die das Zusammentreffen von Menschen aus unseren unterschiedlichen Milieus initiiert, unterstützt und begleitet: Menschen verschiedenen Geschlechts, Alte und Jüngere, Arme und Wohlhabende, Gesunde und Kranke, Glückliche und Unglückliche. Menschen unterschiedlichen Glaubens oder auch ohne Glaube, unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher Weltanschauung. Intellektuell stärkere und schwächere - und auch Menschen mit rassistischem, fremdenfeindlichem Gedankengut. Warum benenne ich sie alle so konkret?
Die Entwicklung eines Gemeinschaftsgefühls, einer gemeinsamen Verantwortung ist in jeder Gesellschaft, in jeder Stadt ein wichtiges Ziel und gibt einem Gemeinwesen erst ein humanes Gesicht. Gemeinschaft ist eine Herausforderung in unserer Gesellschaft, die von Vielfalt in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt mit unterschiedlichsten Wertvorstellungen geprägt ist.
Ein Band für eine menschliche Gemeinschaft stabil zu knüpfen, ist so anspruchsvoll wie essentiell. Wir sehen täglich, wo das nicht gelingt: beim Wegschauen vor der Not anderer Menschen, in unserer Bereitschaft auf Kosten anderer Menschen unseren Wohlstand zu genießen, bei Brandanschlägen gegen Wohnheime von Flüchtlingen, im Menschen verachtenden Terror von IS.
Wir tun in Ludwigsburg viel, um in kleinen und großen Schritten unseren Beitrag zu leisten: mit der jüngst unterzeichneten Charta der Vielfalt, als Fair Trade-Stadt, als Kommune, die Verantwortung in der Entwicklungszusammenarbeit übernimmt, mit unserer Ludwigsburger Erklärung über den Dialog der Religionen, als nachhaltige Stadt; zuletzt mit der politischen Willensbekundung unseres Gemeinderates für Flüchtlinge ein Netz von Unterstützung und Hilfe – obwohl gar nicht formal zuständig – zu knüpfen.
Wir brauchen in Ludwigsburg viele und immer mehr Menschen, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind, dass Gemeinschaft und Teilhabe unmittelbares, tätiges Engagement verlangt.
Nur eine solidarische Welt kann eine gerechte und friedvolle Welt sein“ hat unser mittlerweile verstorbener ehemaliger Bundespräsident Richard von Weizsäcker hervorgehoben. Und diese solidarische Welt ist nicht irgendwo, sie beginnt immer bei und in uns, vor unserer Türe, in unserer Stadt.
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Vor einem Jahr meine Damen und Herren haben wir diesen Platz – noch nicht komplett fertig gestellt – der Öffentlichkeit übergeben. Nach einem langen und intensiven bürgerschaftlichen Dialog hat eine gemeinsame Arbeitsgruppe bestehend aus Vertreter/innen des Gemeinderats und des Arbeitskreises Dialog Synagogenplatz die für sie wichtigen Elemente zur Platzgestaltung herausgearbeitet. Mittlerweile ist der neue Oberflächenbelag aufgebracht und die Info-Stele hält wertvolle und ergänzende Texte und Erläuterungen vor. Dieser Synagogenplatz ist zu einem anschaulichen und lebendigen Beispiel für unsere Geschichte und damit verbunden auch für unsere Erinnerung geworden.
Dafür hat sich vor allem der Arbeitskreis „Dialog Synagogenplatz“ mit seinem unermüdlichen Engagement für das Gedenken an die Verbrechen der NS-Diktatur eingesetzt. Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren, haben sich in zahlreichen Veranstaltungen mit der Umgestaltung des Synagogenplatzes befasst und die Ludwigsburger Bürgerschaft in den Dialog einbezogen. Durch diesen von Ihnen angestoßenen Beteiligungsprozess wird die Erinnerung lebendig gehalten und den nachfolgenden Generationen vermittelt. Darüber hinaus haben Sie Spendengelder gesammelt, die die Gesamtfinanzierung gesichert haben. Mein ausdrücklicher Dank gilt Ihnen und den zahlreichen Spendern, die – soweit namentlich bekannt – zu der Gedenkveranstaltung heute eingeladen sind.
Der neu gestaltete Synagogen-Platz soll als „offene Wunde in der Stadt“ wirken und dauerhaft an die Gräuel der Nazizeit erinnern. Dies ist, wie ich finde, herausragend gelungen. Die hier aufgestellten Koffer sind stille, berührende Zeugen und stehen für die Menschen, die aus Ludwigsburg vertrieben und umgebracht wurden.
Erinnerung macht klug. Erinnerung macht Mut.
Daher wird dieser Platz nicht nur erinnern, sondern auch offene Wunde dafür sein, dass wir immer wachsam bleiben und uns für Menschlichkeit, für Würde und Respekt gegenüber allen Menschen einsetzen.
Ich wünsche mir und uns, den Mut, der nötig ist, um gegen Menschenverachtung aufzustehen und sich gegen Menschenfeinde zu stellen.
Vielen Dank.