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Eine Kurzgeschichte über den Synagogenplatz wurde beim Ludwigsburger Literaturfest 2014 mit dem 3. Preis ausgezeichnet - hier ist der Text:



November 1938: „Warum löscht ihr denn nicht?“ „Seien Sie ruhig! Wir dürfen nicht.“ Der Junge beobachtete die Erwachsenen. Er verstand nichts. Er sah das große Feuer. Das Backsteinhaus am Eck brannte, die Fenster waren kaputt und spuckten Feuer in den Tag. „Mutter, was ist das?“ „Psst. Komm, wir gehen weg.“

Juli 1939: „Heinz, beeil Dich! Steh hier nicht auf dem leeren Platz rum. Wir müssen zum Bahnhof rauf! Wir sind spät!“ „Aber nachher fährt doch wieder einer nach Stuttgart.“ „Aber wir müssen den Zug nach Frankfurt kriegen. Sonst kommst Du nie nach England. Denk nur, du wirst Hanna wiedersehen!“ „Und wann kommt Ihr nach England und wir fahren nach Amerika?“ „Bald, Heinz, bald.“

Mai 1943: Edda hatte die furchtbarsten Eltern im ganzen Deutschen Reich: Sie war 16 und sollte um acht Uhr abends zu Hause sein. Der dürre Junge kam ihr gerade recht. „Was ist das für ein Fetzen auf deiner Jacke? Warum steht da ‚Ost‘? Ist das dein Name?“ Er verstand das meiste. „Wassili ist mein Name. ‚Ost‘ muss ich hinschreiben, weil ich aus dem Osten komme. Fabrik. Ich mache hier Fabrikarbeit.“ Eddas Hochnäsigkeit wechselte ins Bedrohliche. „Weißt du, was das hier für ein Platz ist, Wassili Ost? Hier war die Judenkirche. Die haben sie weggemacht. Und die Juden – auch alle weg.“ Er schaute sie ernst an. Sie lachte und sprang davon. Nach Hause. Es war gleich acht.

Januar 1946: Die Bäuerin hatte keine Lust mehr, zu feilschen. Sie sollte längst wieder im Stall sein. Das hieß: zu Fuß nach Eglosheim. Es war eiskalt. „Also, wollen sie?“ Sie hielt in ihrer Hand etwas Fleisch in einem aufgeschlagenen Zeitungspapier. „Aber für den ganzen Besteckkasten muss ich doch mehr bekommen“, fand die Beamtengattin. „Müssen Sie nicht. Aber ich geb ihnen noch die Lucky Strikes dazu“, knurrte die Bäurerin. „Da können sie Salz dafür kriegen oder Holz.“ Der Besteckkasten war gut gearbeitet, nichts klapperte.

April 1951: Der Gipsermeister strahlte. „Das wär’ ein gutes Geschäft.“ Der Architekt achtete darauf, dass der Handwerker ihm den Anzug nicht staubig machte. „Natürlich wäre das ein gutes Geschäft! Eckgrundstück, Bahnhofsnähe, unbebaut. Da krieg ich ein Mehrfamilienhaus drauf, dreieinhalbgeschossig.“ „Und die Genehmigung?“ fragte der Gipser, „wegen dem mit der Synagoge früher?“ „Das krieg ich hin, im Gemeinderat hab ich die Mehrheit sicher.“

November 1958: Der Gewerkschafter hätte sich als Gefangener im Konzentrationslager nicht träumen lassen, dass er später, wenn er das alles überlebt haben sollte, um solche Selbstverständlichkeiten kämpfen müsste. „Dass wir heute eine Gedenkstunde begehen, ohne einen Erinnerungsstein einzuweihen! Aber ein Text, der über die Synagoge nur sagt ‚Sie wurde am 10. November 1938 zerstört‘ und nicht die Opfer nennt und nicht die Schuldigen, wäre eine noch größere Schande für Ludwigsburg.“

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Autor dieser Geschichte ist Jochen Faber; hier beim Vorlesen seines Textes bei der Preisverleihung. Er engagiert sich seit mehreren Jahren für eine gute Weiterentwicklung des Synagogenplatzes und hat das kleine Preisgeld umgehend für diesen Zweck gestiftet.