Diskussion zum Filmbeitrag mit Dr. Albert Sting „Ich frage die Bürger unserer Stadt“. Darin vergleicht er die Brandstiftungen von Nazis an Synagogen im Jahr 1938 (und die Reaktion des Publikums damals) mit den Brandstiftungen an Flüchtlingsunterkünften im Jahr 2015. Nachbarschaft eingehen und leben | Diskussion

Nachbarschaft eingehen und leben

Beitrag von Michael Vierling:

Nachbarschaft eingehen und leben
Nachbarschaft könnte der Begriff sein, mit dem beschrieben wird, dass sich die Menschen für ihr Umfeld interessieren und darum kümmern. Also auch besonders für die Menschen in ihrem Umfeld. Wenn es für die meisten Bürgerinnen und Bürger normal ist, dass ihre Zuständigkeit nicht an der Wohnungs- oder Haustür endet, sondern wenn auch die Mitverantwortung für die Menschen in der täglichen Umgebung empfunden wird. Mancherorts wird der Nachbarschaftsgedanke intensiv gepflegt und gelebt, anderenorts nur wenig.
Die Flüchtlinge sind neue Nachbarn. Aber insofern typische Nachbarn, als Diejenigen, die schon hier wohnten, sie sich nicht aussuchen konnten. Nachbarschaft ist immer Ergebnis von Zufälligkeiten oder Fügungen. Plötzlich sind die neuen Nachbarn da –jetzt die Flüchtlinge, häufig nicht einige wenige, sondern sehr viele auf einmal.
Dann ergibt sich gelebte Nachbarschaft nicht von selbst, dann müssen Hemmungen und Unsicherheiten überwunden werden. Wenn Flüchtlingsheime „Tage der offenen Tür“ anbieten, wenn Asyl-Arbeitskreise Begegnungs-Cafés veranstalten, dann ist die Gelegenheit da, neue Nachbarn kennenzulernen, mit ihnen zu sprechen, an ihren Schicksalen Anteil zu nehmen – vielleicht sogar zu helfen.
Nachbarschaftliches Bewusstsein bedeutet immer, dass man die einzelnen Menschen in der Nachbarschaft schon gesehen hat, vielleicht mit ihnen gesprochen hat, so dass man sich mit ihnen ein Stück weit identifiziert. Dann sind Übergriffe oder Anschläge auf sie oder ihre Häuser unerträglich, weil man sich selbst angegriffen fühlt. Bei den Angriffen auf die jüdischen Nachbarinnen und Nachbarn und den Brandanschlägen auf die Synagogen in Nazi-Deutschland hat die Nachbarschaftsidee allzu oft versagt.
Damit Angriffe auf Flüchtlinge und ihre Unterkünfte künftig weniger werden, damit sie unterbleiben, sollte die Stärkung der gelebten Nachbarschaft oberstes Ziel sein – eine Aufgabe für Jeden von uns, aber auch eine Unterstützungsaufgabe für Bürgervereine und für die Politik.