Erinnungsveranstaltung am 10. November 2010

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Gedenken mit Zeitzeuginnen
und Thesen, die in die Zukunft weisen

Dass die jährliche Gedenkveranstaltung am 10. November auf dem Ludwigsburger Synagogenplatz kein leeres Ritual ist, sondern eine vielfältige und sehr lebensnahe Veranstaltung, zeigte sich einmal mehr 2010, als etwa 80 Interessierte zusammenkamen.


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Gertrud Ostermayer hatte als Kind die Brandstiftung erlebt. Sie berichtete vor der gebannt lauschenden Schar der Zuhörerinnen und Zuhörer:

Am 10. November 1938, einem Donnerstag, wurde ich um die Mittagszeit rein zufällig und auch ahnungslos Zeugin des Geschehens hier auf diesem Platz. Ich war damals noch nicht ganz zwölf Jahre alt, besuchte die sechste Klasse und kam gerade vom Sportunterricht, der drüben in der Reithausturnhalle stattgefunden hatte.
Ans Nachhausegehen war aber nicht mehr zu denken, als ich schon von weitem eine große Menschenmenge bei der Synagoge stehen sah und natürlich wissen wollte, was denn passiert sei.
Unter den vielen Leuten entdeckte ich auch meine sechzehnjährige Schwester, die damals die Handelsschule gegenüber vom Stadtbad besuchte und an jenem Tage nach dem Vormittagsunterricht ebenfalls hier hängengeblieben war. Wir standen lange in der Zuschauermenge und sahen, wie aus der Synagoge Bücher, Schriften und Kultgegenstände teils herausgetragen, teil auch geworfen wurden.
Dass auch unser kleiner Bruder als Erstklässler zusah, und zwar von seinem Schulzimmer aus, wussten wir zunächst nicht. Seine Klasse war gastweise im Gebäude der Schiller-Oberschule untergebracht, und zwar im Erdgeschoss mit Blick zur Synagoge. Er wunderte sich über das seltsame Vorgehen der Feuerwehr, die zwar die Nachbarhäuser vor den Flammen schützte, nicht aber den Brandherd bekämpfte.
Ich gebe zu, dass der ABC-Schütz’, was das selbstständige Denken betrifft, mir da weit überlegen war. In meiner Naivität hatte ich geglaubt, der Brand sei von selbst ausgebrochen, was freilich schon schlimm genug gewesen wäre. Aber dann die Erkenntnis, dass dies alles geplant war und nicht nur in Ludwigsburg, sondern überall im Land verwirklicht wurde! Dies zu begreifen, war zuviel für mich.
Als meine Schwester und ich schließlich mit viel Verspätung zum Mittagessen nach Hause kamen und deswegen von den Eltern zur Rede gestellt wurden, schilderten wir, was wir gesehen hatten. Da sagte mein Vater sichtlich erregt und betroffen: „Das ist nicht recht.“
Er sprach sonst fast nie Hochdeutsch, so dass mir dieser Satz ganz besonders in Erinnerung blieb.
Meine Mutter ging nach dem Geschirrspülen, wie fast jeden Tag, in die Kirchstraße zu ihrer Schwägerin, um dort im Laden zu helfen. Sie hatte es dieses Mal besonders eilig, weil sie noch schnell zum Brandplatz laufen wollte, von dem wir berichtet hatten.
In der Körnerstraße stand ein ihr bekannter Geschäftsmann vor seiner Ladentür und fragte: „Was sprenget Se denn so, Frau Röder?“ Sie entgegnete aufgeregt: „Ha d’Synagog tät scheints brenna!“ Darauf er: „O, lasset’s brenna!“


Gertrud Ostermayer, Grundschullehrerin im Ruhestand,
am 10. November 2010 auf dem Ludwigsburger Synagogenplatz


Fast jährlich kommt die amerikanische Professorin Dr. Susan Cernyak-Spatz nach Ludwigsburg. Sie stammt ursprünglich aus Österreich und wurde wegen ihrer jüdischen Abstammung von den Nazis verfolgt und in Konzentrations- und Vernichtungslager gesperrt. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, von ihrem Überleben, aber auch von ihrem Schicksal in Gefangenschaft des Terror-Regimes zu berichten und rief auch das Ludwigsburger Publikum auf dem Synagogenplatz zu stetiger Wachsamkeit gegen Ausgrenzung und Intoleranz auf. „Ich freue mich, dass aus dem Land der Richter und Henker wieder ein Land der Dichter und Denker geworden ist, ein Land der nachdenklichen Menschen.“
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Ludwigsburgs Oberbürgermeister Werner Spec würdigte den Synagogenplatz als einen wichtigen Ort in der Stadt, der zum Engagement für Rechtsstaatlichkeit und Miteinander mahne. Dass der Arbeitskreis „Dialog Synagogenplatz“ die Bedeutung des Platzes und seine künftige Gestaltung und Nutzung zum Thema einer öffentlichen Diskussion gemacht hat, sei ein guter Beitrag zum bürgerschaftlichen Miteinander. In einem demokratischen Staat zu leben und die Vorteile dieser offenen Gesellschaftsform täglich erleben zu können, sei auch eine Aufforderung zu Erinnerung und Gedenken. Spec betonte, dass die Lücke an diesem Platz, auf dem die Synagoge zerstört worden war, veranschauliche, was in der Stadtbevölkerung geschah: Durch den Nazi-Terror wurden viele Menschen aus der Stadt vertrieben, viele von ihnen wurden ermordet, andere konnten gerade noch entkommen. Er würdigte den großen Beitrag, den jüdische Ludwigsburger zum Gemeinschaftsleben geleistet hätten, beispielsweise als Unternehemer, als Ärzte, oder als Künstler.

Von Theaterspieler/innen des „Theater unter der Dauseck“ wurden Thesen vorgetragen, die der Arbeitskreis „Dialog Synagogenplatz“ aus den Diskussionen der letzten zwei Jahren herausgefiltert hatte.

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Im Anschluss an die Veranstaltung, die von der Trompetenklasse der Musikhochschule Stuttgart auf hohem Niveau mit Spiritual-Interpretationen umrahmt wurde, konnten die Besucherinnen und Besucher die Thesen bewerten:

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Das soll ein ansprechender Platz sein.
Im ganzen und Großen ist der Platz gut so. Als Durchgangsplatz nutzen ihn viele Menschen. Bäume. Angedeuteter Grundriss der Synagoge. Bessere Gedenktafel.
[ 4 Zustimmungen ]


Mir fehlt auf dem Platz ein verstörendes Element!
1938 wurde hier die Ordnung zwischen den Menschen schlimm gestört. Das muss sichtbar werden – bisher ist mir der Platz zu harmonisch. Es muss etwas her, das automatisch sagt: Hier stimmt was nicht!
[ 27 Zustimmungen ]


Ich will, dass das hier ein Platz der Erinnerung ist!
Hier soll man sich an die jüdischen Männer und Frauen aus Ludwigsburg erinnern, die hier ihren Glauben lebten, und die von den Nazis ermordet wurden. Und an die, die überlebten.
[ 16 Zustimmungen ]


Ich will nicht, dass man über die Synagoge latschen kann!
Das ist eine Narbe im Herzen der Stadt – da soll man nicht einfach drüberlaufen können. Ob man hier ein großes Loch macht oder eine Plattform baut – man kann respektvoll herumgehen, auch um ein Gebäude, das nicht mehr steht.
[ 25 Zustimmungen ]


Ich möchte die Synagoge rekonstruieren!
Ein Gebäude, das so groß ist wie früher die Synagoge war und das in etwa auch so aussieht. Als ein Denkmal, ein Mahnmal. Und vielleicht auch als Raum für Begegnung, für Lernen und Diskussion.
[ 6 Zustimmungen ]


Ich möchte diese Bäume weg haben!
Diese beliebigen Bäumchen gaukeln irgend etwas Hübsches vor, wo doch so Furchtbares geschah. Richtige Bäume am richtigen Platz sind etwas Tolles! Können Bäume lügen? Hier schon!
[ 6 Zustimmungen ]


Ich sehe im Synagogenplatz einen Platz der Toleranz und der Menschenrechte!
Nach der Brandstiftung an der Ludwigsburger Synagoge und der anschließenden Verfolgung der jüdischen Ludwigsburger muss dieser Platz uns jeden Tag neu daran erinnern, dass jeder Mensch die gleichen Rechte hat.
[ 14 Zustimmungen ]


Ich will hier Veranstaltungen erleben!
Verschiedene Kulturen, Begegnungen, Bereicherungen, auch Freude und Spaß sollen hier Platz haben – als Teil des Schulunterrichts, als ein Stückchen «Stadtmuseum vor Ort», in Konzerten, Lesungen, Vorträgen, Theater, Film, Spielen. Ton, Licht, mobile Sitzgelegenheiten und ein Regendach – mehr braucht’s nicht.
[ 27 Zustimmungen ]


Ich bin gespannt, was Ihnen, was Euch noch alles einfällt!
„Mir fehlt die Geschichte dieser Synagoge, und zwar deutlich lesbar!“