Vortrag mit Dr. Albert Sting

Dr. Albert Sting:
Den gleichen Fehler nicht zweimal machen

Vortrag zur Geschichte des Ludwigsburger Synagogenplatzes fand großes Interesse


Von den Anfängen jüdischen Gemeindelebens in Ludwigsburg über die gezielte öffentliche Zerstörung der Synagoge durch Ludwigsburger Nazis bis zu den immer wieder in neue Form gelangten Schwierigkeiten, den Platz später angemessen zu gestalten und zu nutzen, führte Dr. Albert Sting sein interessiertes Publikum am 3. Mai 2010 im Veranstaltungssaal des Ludwigsburger Staatsarchivs. Sein Vortrag war Teil einer Reihe von Aktivitäten des Arbeitskreises „Dialog Synagogenplatz“. Mit Blick auf die nichtöffentlichen Beratungen des Gemeinderats in den späten 50er Jahren, bei denen unter größten Mühen ein völlig verkorkster Text für den Gedenkstein herauskam, betonte Sting die Notwendigkeit offener Bürgerbeteiligung, wenn es nun um neue Gestaltungs- und Nutzungsformen des Synagogenplatzes gehe: „Darum sind wir heute hier, meine lieben Freundinnen und Freunde, um den gleichen Fehler nicht zweimal zu machen und die Bürgerinnen und Bürger der Stadt am Nachdenken über die Bedeutung des Platzes zu beteiligen.“



Konrad Seigfried, Erster Bürgermeister der Stadt Ludwigsburg, leitete die Veranstaltung ein. Er unterstrich die Notwendigkeit, den Platz zu verändern, seine Geschichte leichter erkennbar zu machen. „Wir brauchen hier womöglich eine Verstörung, die darauf hinweist, auf welchem Grund man sich bewegt.“ Für Albert Sting, Ehrenbürger der Stadt und Autor der drei Jahrhunderte umfassenden Darstellung der Ludwigsburger Stadtgeschichte, ist der Synagogenplatz auch ein Stück persönlicher Erfahrung: Er erinnert sich an den leeren Platz der 50er Jahre ebenso wie an die Begegnungen, die er mit initiiert hat, als Überlebende und Nachfahren der Ludwigsburger jüdischen Gemeinde in die Stadt eingeladen wurden, aus der sie während des NS-Regimes grausam vertrieben worden waren. Und Alberst Sting gehört auch zu jenen, die seit Jahrzehnten die Veranstaltungen mit gestalten, die jährlich am 10. November an die Zerstörung des jüdischen Gotteshauses erinnern und zur Einhaltung von Menschenrecht und -würde mahnen.



Nachdem Ludwigsburger Nazis die Synagoge zerstört hatten, so berichtete Sting, kaufte die Stadt Ludwigsburg das Grundstück weit unter dem eigentlichen Wert. 1949 dann bezahlte sie 9.500 Mark in einen Ausgleichsfonds, um die Differenz zu begleichen. In den frühen 50er Jahren entschied der Gemeinderat, das Grundstück nicht an einen Architekten zu verkaufen, der dort ein Mehrfamilienhaus errichten wollte. Statt dessen wurde der Platz als Grünanlage mit Sandkasten hergerichtet und von halbhohen Hecken umgeben.

Einen besonderen Schwerpunkt setzte Sting auf die Auseinandersetzungen um den Gedenkstein aus Sandstein, der schließlich am Volkstrauertag 1959 enthüllt wurde. Sozialdemokraten und konservative Fraktionen hatten sich zuvor lange und bittere Auseinandersetzungen um die Formulierung auf dem Gedenkstein geliefert. Am Wort „gewaltsam“ entzündete sich viel Streit: Die SPD wie auch die jüdische Kultgemeinde in Stuttgart hofften, durch diesen Zusatz zum Wort „Zerstörung“ die Geschichte auch für spätere Generationen verständlich zu berichten. Die Konservativen fürchteten, dadurch werde eine „neue Anklage“ erhoben, anstatt lediglich eine „ernste Mahnung“ auszusprechen. Wer vor der „Anklage“ geschützt werden sollte, wurde nicht formuliert. Der Vorschlag, über die Synagoge zu schreiben „sie wurde während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft am 10. November 1938 brutal zerstört“, hatte keine Chance.

Dass eine Planung der 80er Jahre vorsah, den Platz als Ausfahrt eines unterirdischen Busbahnhofs zu nutzen, erwähnte Sting ebenso wie die langjährigen Aktivitäten des Aktionsbündnisses gegen Fremdenfeindlichkeit, die auch die Tradition der Gedenkveranstaltungen am 10. November erhielten und bereicherten.

Die Umgestaltung des Platzes von 1988 erläuterte Dieter Hornig, der eigentlich als Zuhörer gekommen war – er hatte seinerzeit im Stadtplanungsamt die Entwürfe entwickelt. Ziel war damals, das Andenken an die jüdische Tradition des Platzes herauszuarbeiten und ihn zu beleben. Die Steinplatten, die den Grundriss der Synagoge abbilden, sollten gemeinsam mit einem Hain von 10 Akazien nachempfinden lassen, dass hier ein Gebäude gestanden hatte, das nun fehlt. Der zusätzliche Gedenkstein, der zwar schwer lesbar, aber inhaltlich deutlicher als der alte ist, war bereits als „Stolperstein“ gedacht, noch ehe das gleichnamige Kunstprojekt schließlich auch in Ludwigsburg an NS-Opfer erinnerte.

Eine wichtige Aufgabe der Gestaltung war auch, die unwürdigen Zustände auf dem Platz zu beheben: Er hatte sich als „Penner-Treffpunkt“ entwickelt und wurde regelmäßig als Klo missbraucht. Durch den gezielt über den Platz geführten Fußgänger-Strom wurde erreicht, dass mehr Menschen ihn nutzten und damit immerhin mit ihm in Berührung kamen. Dass nicht alle Ideen aus der Planung in der alltäglichen Praxis funktionierten, hat auch Diener Hornig schon lange feststellen müssen.



Ein Anliegen treibt Dr. Albert Sting nach wie vor um, wenn es um den Synagogenplatz geht: Dass die Namen der Mitglieder der jüdischen Gemeinde fehlen. Er hatte bereits vor Jahren zwei Gestaltungsideen veranlasst: Eine aufwändigere, für die ein großer Stein mit einer Metallplatte hätte errichtet werden können (Kosten etwa 50.000 €) und eine einfachere, bei der ein Pult aus Edelstahl die Namen getragen hätte (Kosten etwa 5.000 €). Doch bei der Stadtverwaltung, so berichtete Sting, wollte man renommierte Fachleute in die Gestaltung mit einbeziehen, wodurch die Kosten des aufwändigeren Entwurfs auf rund 250.000 € angestiegen seien. Ergebnis: Bis heute wurde nichts davon umgesetzt; durch eine Privatinitiative wurden einige der beschädigten Bäume ersetzt und der Bodenbelag etwas ausgebessert.

Vor diesem Hintergrund nun hat sich der Arbeitskreis „Dialog Synagogenplatz“ gebildet, der zunächst eine möglichst breite Bürgerbeteiligung anstrebt. Ganz in diesem Sinn beteiligten sich zahlreiche Besucherinnen und Besucher der Veranstaltung an einer lebendigen Diskussion über die mögliche künftige Gestaltung des Platzes.
Zuerst klären, was der Platz darstellen soll - Erinnerung ausschließlich an die Ludwigsburger Synagoge und ihre Gemeinde oder Mahnung an die völkermörderischen Verbrechen der Nationalsozialisten insgesamt - das war einer der Vorschläge. Den Platz als Erinnerungsort, als Lernort und als Ort der Mahnung zu begreifen und dann mit ausreichenden Informationsangeboten zu versehen, wurde angeregt.
Bessere Erkennbarkeit wurde von verschiedenen Rednerinnen und Rednern angemahnt. Dabei gingen die Ideen sehr weit auseinander, wie dies erreicht werden könnte. Den Grundriss als niedrige Mauern erhöhen, damit Fußgänger der Synagoge Respekt erweisen und außen herum gehen müssten, war eine Variante. Ein Tor zu errichten, das klar macht, dass man eigentlich ein Gebäude betritt (auch wenn dieses selbst nicht mehr steht), eine andere. Eine weitere, sinnvolle Beschilderung wurde angeregt. Metallskulpturen, die an die Koffer der Deportierten erinnerten und auf dem Platz auch bewusst als Hindernisse wahrgenommen würden, wurden zur Diskussion gestellt. Ein großes Modell der Synagoge wurde vorgeschlagen, ebenso schriftliches Wissen über die Ludwigsburger Synagoge, ihren Baustil und die Geschichte der Gemeinde.

Für den Arbeitskreis „Dialog Synagogenplatz“ erklärte Jochen Faber, dass Ideen zu Konzept und Gestaltung jederzeit willkommen seien, dass allerdings erst im Herbst eine gezielte Diskussion und Auswertung von Ansätzen zur Gestaltung des Platzes oder einzelner Elemente darauf vorgesehen seien. Diese sollten dann in einer „Ideenwerkstatt“ gesammelt werden, aus der nach Möglichkeit ein gemeinsamer Ansatz hervorgehen solle, der dann wiederum Grundlage für die Beratungen im Gemeinderat sein soll – immerhin sei auch den Vertreter/innen der dortigen Fraktionen klar, dass die Stadt auch finanziell in der Verantwortung für den Synagogenplatz steht.